Endlich Trinkwasser

Claudine Wernli
Von Claudine Wernli
 

«Schnipp» – das Band in den Farben der madagassischen Landesflagge ist durchschnitten und das lang ersehnte Trinkwassersystem mit Pumpe, Sandfilter und Hauszuleitungen offiziell eingeweiht. Heute Morgen ist eine geballte Ladung Swissness im Dorf Maevatanana eingetroffen. Die Ankunft der Vertreterinnen und Vertreter von Zoo Zürich, Chocolat Halba, der Lindt Cocoa Foundation und dem Bauunternehmen Preisig AG sorgt vor allem bei den Kindern für grosse Augen.

Madagaskar - endlich Trinkwasser

Ich bin mich die verwunderten Blicke schon gewohnt, bisher war ich die einzige «Vazaha», das ist madagassisch für «weisse Ausländerin», hier im Dorf. Für meine Masterarbeit in Geographie an der Universität Bern führe ich eine Feldstudie durch und versuche herauszufinden, wie ein gerechter Trinkwasserzugang aussehen könnte. Auf dem Land leben in Madagaskar zwei Drittel der Bevölkerung ohne sauberes Wasser. Sie holen es aus Ziehbrunnen, Flüssen oder Teichen. Durch verunreinigtes Wasser verursachte Krankheiten sind verbreitet.

In Maevatanana im Nordwesten des Landes produzieren fast alle der 3700 Einwohnerinnen und Einwohner Kakao. Es ist auch ihnen zu verdanken, dass es in der Schweiz so feine Schoggi gibt, denn einen Grossteil ihres Kakaos verkaufen sie an den Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli. Helvetas hat die Dorfgemeinschaft beim Aufbau der nachhaltigen Kakaoproduktion begleitet – und hat nun im Rahmen des Lindt & Sprüngli Farming Program auch das Vorhaben unterstützt, dem Dorf zu sauberem Wasser zu verhelfen. Heute wird wahr, was sich die Menschen schon lange wünschen.

Eine Degustation der besonderen Art

Die Gäste werden mit Tänzen, Gesängen, Blumenketten und dem Lamba, dem traditionellen Wickeltuch, willkommen geheissen. Alle sind in Feststimmung. Nach einem Gang durchs Dorf und Gesprächen mit den Dorfbewohnern richten der Bürgermeister, der Regionaldirektor für Wasser und andere Geladene ihre Dankesworte an Bevölkerung und Gäste. Später freuen sich alle über die Degustation des Wassers.

Madagaskar - endlich Trinkwasser

Auch wenn die Dorfbewohnerinnen und -bewohner bald wieder ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen – es ändert sich einiges im Dorf. «Ich bin sehr froh, dass ich nun fliessendes und vor allem sauberes Wasser neben dem Haus habe», sagt Soanasy. Sie gehört zu den ersten, die an das System angeschlossen sind. Noch braucht es auch Sensibilisierung, damit alle Familien verstehen, dass sich die kleine Investition, die sie selber tätigen müssen, lohnt, um gesundes Wasser trinken zu können.

Der Tag symbolisiert auch das gemeinsame Engagement der Schweizer Delegation in Madagaskar. Jeder engagiert sich auf seine Weise, man tauscht sich aus und lernt voneinander. Die Vertreter von Chocolat Halba und dem Zoo Zürich bilden sich nach dem Festakt über die erfolgreiche Kakaoproduktion im Sambirano-Tal weiter, sie wollen die Erkenntnisse in ihren eigenen Projekten an der Ostküste einbringen. Das Wasserteam von Helvetas und Mitarbeiter der Preisig AG gehen noch tiefer in das Sambirano-Tal, um das dort geplante Trinkwassersystem in Augenschein zu nehmen. Auf der Wanderung zum geplanten Reservoir blicke ich von Anhöhe auf die Landschaft, die das Leben und Arbeiten hier prägt: keine Plantagen, sondern fruchtbare Hänge, wo Kaffee und Vanille, Bananen und eben auch Kakao in natürlicher Umgebung nebeneinander wachsen und gedeihen.

Madagaskar - endlich Trinkwasser


Und so funktioniert es

Mit Solarpumpen wird Wasser aus der Tiefe in einen Tank gepumpt. Der Tank hat die Kapazität 5000 Bewohnerinnen und Bewohner mit sauberem Trinkwasser zu beliefern. Noch sind erst wenige Haushalte angeschlossen, denn es braucht Verträge und das ganze Prozedere dauert deshalb eine Weile. Das Wassersystem führt dann direkt vor oder neben das Haus oder in den Hof mehrere Häuser, die den Anschluss zusammen nutzen. Die Wasserqualität wird konstant überwacht. Um an das System angeschlossen zu werden, zahlen künftige Nutzer einen einmaligen Betrag von ca. CHF 75. Danach wird pro konsumierte Menge bezahlt. 1m3 Wasser kostet 50 Rappen. Für die Instandhaltung der Technik ist ein erfahrenes Unternehmen zuständig, das in ganz Madagaskar schon Trinkwassersysteme gebaut hat und unterhält.

 

Über den Autor

Claudine Wernli

Studentin an der Universität Bern und Praktikantin bei Helvetas in Madagaskar